"Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft - und in der Gemeinschaft lebet, der Einzelseele Kraft!" Rudolf Steiner

 

Erstaunlich wenig sind bisher die Methoden und pädagogischen Prinzipien der Waldorfschulen aus der Perspektive der Erlebnispädagogik betrachtet worden. Dies ist um so bemerkenswerter als zum einen seit nunmehr über 80 Jahren an den Waldorfschulen in gewisser Weise in "naturwüchsiger Art" Erlebnispädagogik betrieben wird.

So sind von Rudolf Steiner, dem Schöpfer der Anthroposophie und Begründer der Waldorfpädagogik reichhaltige Anregungen für eine Erlebnispädagogik vorhanden. Bereits 1924 erläutert er beispielsweise den altersspezifischen Unterschied zwischen einem jüngeren und älteren Menschen folgendermaßen: "Der junge Mensch wird gewahr, wenn er beginnt, zur Zivilisation ein Verhältnis zu gewinnen, das er versteht. Und ein richtiger Instinkt sagt ihm, dass dieses Verstehen, dieses denkende Ergreifen auch sein ferneres Schicksal sein soll. Allein mit dem 'Verstehen' lässt sich nicht jung sein. Man kann nur jung sein, wenn man mit vollem Herzen, mit ganzer Seele erlebt, was auf das Verstehen wartet. Und man ahnt als junger Mensch, dass man alt wird, wenn man das Erlebte allmählich in das Verstandene hinüberführt" (1981, S.126).

Aus diesem Geist heraus schuf er 1919 die Waldorfschule, welche von Anfang an eine wenig bekannte Fülle an erlebnisorientierten Methoden und Mitteln einsetzt(e):

- Waldorfschüler kommen während ihrer Schulzeit in der Regel in den Genuss von mindestens fünf größeren Klassenfahrten. Häufig sind es auch Fahrtenprojekte wie ein Segeltörn, Kajakfahrten, Bergwanderungen oder ähnliches.

- Eine Vielzahl von Praktika gehören zum "Lehrplan" der Waldorfschule: 7. Klasse: Forstpraktikum, 8. Klasse: Handwerkspraktikum, 9. Klasse: Landwirtschaftspraktikum, 10. Klasse: Feldmesspraktikum, 11. Klasse: Industriepraktikum, 12. Klasse: Sozialpraktikum oder Ökopraktikum, welche normalerweise 1-4 Wochen dauern.

- Der erlebnishafte Bezug zu Natur und Kultur wird schon in der 3. Klasse mit der sogenannten "Ackerbau-Epoche" und in der 5. Klasse mit der "Hausbauepoche" geschaffen.

- Die spezielle Würze an der Waldorfschule stellen die verschiedenen Projekte dar: Am Ende der Klassenlehrerzeit stehen meist eine Abschlussarbeit und ein Theaterprojekt an. Ebenso zum Ende der 12. Klasse wird eine Jahresarbeit mit praktischem Anteil und ein Schauspiel, Musical o.ä. einstudiert und gegebenenfalls auch auf Tourneen aufgeführt.

- "Ganzheitlichkeit" ist an Waldorfschulen kein Feigenblatt, sondern gelebte Realität. Der Anteil der praktisch-handwerklichen (Gartenbau, Schreinern, Schmieden, Elektro, Kupfertreiben, Buchbinden, Schneidern, Weben, Sport...) der künstlerisch-sozialen (Malen, Grafik, Plastizieren, Musik, Chor, Orchester, Eurythmie, Steinmetzen...) und der theoretisch-intellektuellen Fächer hält sich die Waage.

- Auch der Unterricht selbst bevorzugt idealerweise den erfahrungs-, erlebnis- und handlungsorientierten Stil.

- Häufig sind an Waldorfschulen auch soziale und humanitäre Einsätze verankert. Baulager, Feldmessarbeiten und Hilfsprojekte sind keine Seltenheit. Wie an vielen anderen Stellen ist hier eine augenfällige Parallele zu den Ideen von Kurt Hahn, dem "Vater der Erlebnispädagogik" festzustellen.

 

3 sehnsuechte

Steiner behauptet, dass jeder Mensch drei Grundsehnsüchte ins Leben mitbringt. Diese gilt es pädagogisch zu ergreifen und in der Kindheit und Jugend zu befriedigen. Gewalt und Erotik beschreibt er als die Konsequenzen, sollten diese Sehnsüchte unerfüllt bleiben.

 

Mit diesem Marschgepäck, das aus den Ideen der Erlebenspädagogik, der Waldorfpädagogik und dem pädagogischen Ansatz von Kurt Hahn besteht, hat sich die Organisation EOS - Erlebnispädagogik e.V. dann 2002 gegründet und mit dieser Ausrichtung auf den Weg gemacht.

 

qzdl goetheanum

Das Erste Goetheanum in Dornach (Basel; abgebrannt Silvester 1923): Zentrum der weltweiten anthroposophischen Bewegung.