"Im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst. Je mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner, umso mehr ist er Mensch. Sich selbst verwirklichen kann er also eigentlich nur in dem Maße, in dem er sich selbst vergisst, in dem er sich selbst übersieht." (Viktor Frankl)

 

Als Leitlinien unseres erlebnispädagogischen Handelns gelten folgende Kriterien:

1) HOLISMUS: Das Prinzip der Ganzheitlichkeit soll beispielsweise auch in der Gesamtkomposition einer erlebnispädagogischen Aktivität feststellbar sein. So gehört zu einem vollständigen Erleben neben der vordergründigen Spannung, dem "Kick" auch die Phase der Entspannung, des Verarbeitens. Ebenso soll beispielsweise auch Wert darauf gelegt werden, dass das erlebnispädagogische Setting als "ästhetisch" empfunden und genossen werden kann - denn auch der Sinn für Ästhetik spielt in einer ganzheitlichen erlebnispädagogischen Konzipierung eine erhebliche Rolle.

2) "SENSIBILITÄT": Erlebnispädagogik sollte in unserem Sinne nicht verstanden werden als Bombardement mit einem Trommelfeuer an Sinneseindrücken. Vielmehr soll der Versuch unternommen werden, in einer "schonenden" Weise die Sensorik zu sensibilisieren. Denn eine harte Gangart der Erlebnispädagogik würde lediglich die Folge haben, dass mittelfristig eine Aushöhlung und Abstumpfung der Sensibilität und Leistungsfähigkeit der Sinne auftreten würde. Vermittlung von wertvollen Erlebnissen (Erlebnispädagogik) und Schulung der Erlebnisfähigkeit (Erlebenspädagogik) ergänzen sich gegenseitig.

 

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Sensibilität statt Erlebniskonsum und Overkill der Sinne

 

3) REFLEXIVITÄT: Ein ganzheitlicher erlebnispädagogischer Lernprozess erfordert auch eine reflexive, intellektuelle Erfassung des Erfahrenen. Erst durch die Bewusstmachung des Erlebten ist der (von Wilhelm Dilthey vorgezeichnete) Erlebniszirkel abgerundet. Nur durch die rationale Erhellung der erlebnispädagogischen Aktivitäten findet eine Verarbeitung des Erlebten statt - was wiederum der Garant für einen Transfer in den Alltag darstellt.

 

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Eine "vollwertige" Erlebnispädagogik durchläuft alle 7 Erlebnisdimensionen im Menschen.

 

4) "EUCHRONIE": Wesentlich für das Gelingen einer erlebnispädagogischen Aktivität scheint für uns auch die "Zeitgestalt" des Ereignisses zu sein. Eine "euchronische" erlebnispädagogische Aktion sollte wie das rhythmische Atmen zwischen Aktivität und Besinnlichkeit, zwischen "actio" und "contemplatio" organisch hin und her pendeln. "Euchronische Erlebnispädagogik" steht demzufolge für eine "Entschleunigung" der Erlebnispädagogik, eine Erlebnispädagogik ohne Schleudertrauma, "Actionhopping" und blindem Aktionismus.

5) KARITATIVITÄT: Besonders die erlebnispädagogische Arbeit mit Jugendlichen bedarf einer zusätzlichen pädagogischen Komponente. Gerade um den wünschenswerten "Jugendidealismus" zu entfachen, darf sich die erlebnispädagogische Maßnahme nicht in einer egozentrischen "Genussbefriedigung" erschöpfen. Lustorientierte Spaßpädagogik allein würde die Ressourcen einer erlebnispädagogisch orientierten Jugendarbeit nicht ausreichend ausschöpfen. In Anknüpfung an die "klassische Erlebnispädagogik" von Kurt Hahn, plädieren wir für eine Aufwertung der Erlebnispädagogik durch die Integration von sozialen, caritativen und humanitären Elementen (erlebnisgesättigte Hilfsprojekte, humanitäre Baueinsätze).

6) GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT: Nach wie vor stellt sich die moderne Erlebnispädagogik als Domäne der Männerwelt dar. Weibliche Erlebnisweisen scheinen in der harten Spielart der Erlebnispädagogik kaum Platz zu haben. Aus diesem Grunde geht es um den Versuch, die spezifisch weiblichen Erlebnisweisen, ihr spezifisches Herangehen an Natur- und Bewegungserfahrungen ernster zu nehmen und intensiver zu pflegen.

 

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Das Humanökologische Menschenbild, bei dem Mensch und Natur zu Partnern werden.

 

7) ÖKOLOGIE: Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit sind Kriterien, welche nach unserer Auffassung auch in der Erlebnispädagogik einen hohen Stellenwert haben sollten. Konsequenterweise verbietet sich für die Erlebnispädagogik dadurch ein instrumentalisierender Umgang mit der Natur. Natur ausschließlich als "kostenlose Kulisse" oder "erweitertes Sportgerät" für die erlebnispädagogischen Aktionen zu gebrauchen, widerspricht den Prinzipien der Erlebenspädagogik. Kein "harter Tourismus", Fernreisen und Abenteuerreisen.

8) "LANDSCHAFTS-PHÄNOMENOLOGIE": Erlebenspädagogik kann auch bedeuten, jede Landschaft in ihrer individuellen Erlebnisqualität differenziert zu erfassen. Eine Höhle bietet ein völlig anderes Erlebnis-Aroma als ein Berg, ein Fluss eignet sich für wesentlich andere erlebnispädagogische Maßnahmen als ein See oder das Meer. Eine Phänomenologie der unterschiedlichen Erlebnissemantik der verschiedenen Landschaftstypen zu entwickeln, hat sich EOS zur Aufgabe gesetzt.

 

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Welcher Naturraum vermittelt dem Menschen welche Erlebnis-Chancen?

 

9) ARCHETYPIK: Bislang recht rätselhaft ist die Frage nach der faszinierenden, fast magischen Anziehung von Erlebnispädagogik und Abenteuersport geblieben. EOS versucht diesem Phänomen nachzuspüren und bezog dabei auch die Erkenntnisse der Archetypen-Lehre ein. Womöglich liegt ein Schlüssel für das "Faszinosum Erlebnispädagogik" darin verborgen, dass manche erlebnispädagogischen Situationen und Settings ein archetypisch urbildliches Muster aufweisen.

10) TRANSPERSONALITÄT: Erlebnispädagogische Aktivitäten führen den Teilnehmer in der Regel an Grenzerfahrungen heran. Persönliche Grenzen werden dabei ausgelotet und neu vermessen. Unweigerlich ist der Erlebnispädagoge dadurch mit Themen der persönlichen Grenzüberschreitung konfrontiert, mit der Dimension des Transpersonalen. Aus der Berührung mit dieser Dimension erhält die Erlebenspädagogik eine zusätzliche spirituelle Tiefe.

 

seil am baum

"Kann ich über mich hinaus wachsen?" ist die Frage von jungen Menschen. Das Übermenschliche, das Heldenhafte und Transpersonale wird somit zu einer Dimension in der Erlebnispädagogik.