12 Fahrtentypen
Bis heute gibt es noch keine theoretische Fundierung einer »Klassenfahrten-Pädagogik«. Während Themenlager speziell in der Mittelstufe angebracht sind, sind es für die Klassen darunter und darüber wiederum vollkommen andere Typen von Fahrten, die diesem Alter angemessen sind.
Eine aus dem Lehrplan der Waldorfschule gewonnene Differenzierung der Klassenfahrten könnte beispielsweise folgendermaßen aussehen:
3. Klasse
Erste Klassenfahrt in Schulnähe mit einer einmaligen einfachen Übernachtung.
4. Klasse
Erste mehrtägige Klassenfahrt in die Umgebung. Naturerlebnisse und Bewegung stehen im Vordergrund.
5. Klasse
Einwöchige Klassenfahrt, Erkundung der Heimat, gemischtes Programm. Sehr einfache Bedingungen. Bevorzugung von Zeltlagern.
6. Klasse
Erstes Lager außerhalb der Heimat. Erstes Themenlager möglich. Themenbeispiele: Indianer, Zigeuner, Zirkus ...
7. Klasse
Erstes Abenteuerlager. Der statische Charakter der Klassenfahrt in der 6. Klasse gewinnt nun an Dynamik und Dramaturgie. Aus der Addition von Einzelaktionen wird ein bündiges und spannungsreiches Gesamtkonzept. Das »Entdeckeralter« erfordert Klassenfahrten, die als »Expeditionen« oder als »Aventiuren« konzipiert sind. Das Lager sollte auch unter einem Motto stehen (Ritter, Hexen, Piraten ...). Bootsfahrt als geeignetes Medium.
8. Klasse
Erstes Projektlager. Mitten in der Pubertät bieten sich hier vor allem Fahrten in die Berge oder ins Gebirge an. Eine Begegnung mit der natürlichen Schwere der Erde kann dadurch in »homöopathischer Weise« auf die »Erdenschwere« des Jugendlichen wirken. Gleichzeitig ist die Förderung des Weltinteresses und des Jugendidealismus in diesem Alter die zentrale pädagogische Herausforderung. Die Projektform ist dafür der geeignetste didaktische Weg. Beispielsweise bieten in diesem Alter gewagte Trekkingtouren die Chance, zum letzten Mal die alte Klassengemeinschaft (vor dem Übergang in die Oberstufe) zu erleben, persönlich im Wandern und Bergsteigen die eigene »Schwere« und den »inneren Schweinehund« durch Willensanstrengung zu bezwingen und drittens innerhalb eines Projektes den Idealismus zu wecken (z.B. Alpen-Teilüberquerung auf dem Pilgerweg Santiago de Compostella).
9. Klasse
Erstes Individual-Lager. Der Übergang in die Oberstufe und gleichzeitig in die eigentliche Jugendzeit ist meist gekoppelt mit inneren und äußeren Krisen. In der Regel beginnt der Jugendliche jetzt mit der Suche nach sich selbst, nach dem Kern seiner Persönlichkeit. Dieses Bedürfnis kann beispielsweise in der Art aufgegriffen werden, dass eine »Individual-Klassenfahrt« stattfindet, bei der Einzelne, Paare oder kleine Gruppen ihre persönlichen Ideen, Bedürfnisse und Projekte verwirklichen. Oder eine gemeinsame Klassenfahrt, bei der - in einer einsamen Gegend - ein länger dauerndes »Solo« im Mittelpunkt steht. (Alleinsein in der Natur über eine längere Zeitspanne, zwischen mehreren Stunden bis Tagen; leider wurden die Methoden der »Vision Quest« und der »Jugendfeier« bisher noch nicht ausreichend waldorfpädagogisch ausgewertet.) Das Landwirtschaftspraktikum (mit Einzelverschickung) entspricht dieser Grundidee. Klettern als Medium der Wahl (einsames Ringen mit dem harten Felsen als »Skelett der Erde«) .
10. Klasse
Erste Großfahrt. Passend für die Entwicklung des Zehntklässlers ist nun eine Klassenfahrt im Stile einer »Großfahrt«. Der inneren psychischen Verfassung adäquat ist in diesem Alter das wässerig-stürmische Element. Insofern wäre jetzt ein Segeltörn oder ein Kanulager altersmäßig vortrefflich geeignet. Als Allegorie für die sich anschickende Fahrt ins Leben und als vollkommen neuartiges Feld, sich in der Kooperation mit den Klassenkameraden zu bewähren, kann ein Segeltörn ungeahnte Impulse geben und Entwicklungen anstoßen.
11. Klasse
Erstes Workcamp. Das passende Alter für ein größeres Workcamp ist die 11. Klasse. Die gröbsten Stürme der Pubertät sind bereits vorüber, und das Interesse an der sozialen Problematik erreicht einen Höhepunkt. Innerlich tobt in diesem Alter der Kampf um die zu entwickelnde Lebensgrundeinstellung anhand von bohrenden Fragen, wie: Steht die Pflicht über der Neigung? Ist Nächstenliebe wichtiger als Selbstverwirklichung? Will ich mein Leben eher bürgerlich oder idealistisch entwerfen? ... Eine pädagogisch geschickte Orientierungshilfe erfährt der junge Mensch möglicherweise auf einer Klassenfahrt, die als »Workcamp« ausgerichtet ist (Hilfseinsatz, Baulager, »humanitäre Projekte« ...).
12. Klasse
Kultur-Fahrt. Als Abschluss der Schulzeit hat sich an einigen Waldorfschulen eingebürgert, eine Kulturfahrt durchzuführen. Die Schüler sind in der Regel bereits volljährig und stehen kurz vor der »Entlassung« ins Leben und die Welt. Kultur- und Studienreisen bieten eine vorzügliche Möglichkeit, die Schüler auf diesem Weg in die Welt, die eine Welt der Kultur ist, zu begleiten. Überdies kann bei diesen Fahrten eine zukunftsfähige Einstellung zu Tourismus vermittelt werden.
Klassenfahrten auf hohem Niveau zu konzipieren und durchzuführen bedarf aufwändiger Vorbereitungen und großer Erfahrung. Vor diesem Hintergrund ist es für Schulen häufig ratsam, sich professionelle externe Hilfe zu holen. So bieten wir Schulen Unterstützung bei der Planung und / oder Durchführung von Klassenfahrten an. Zudem wurde ein Lehrgang (einjährig an 6 Wochenenden) entwickelt, bei dem zentrale Fertigkeiten im Zusammenhang mit Klassenfahrten / Erlebenspädagogik geschult werden. Speziell zum Thema »Klassenfahrt« wird darüber hinaus ein eigenes Wochenende angeboten. Weitere Informationen darüber finden sie hier.
Auszug aus dem Artikel „Dramaturgie von Klassenfahrten" in der Zeitschrift „Erziehungskunst" (Michael Birnthaler, September 2004)






