Pädagogik

Eine 8. Klasse wie viele Klassen in diesem Alter: etwas wild, etwas ungeordnet und »undiszipliniert«. Doch vor allem: Die Klasse »hängt durch«, ist lustlos, unmotiviert und unsolidarisch. Eine pädagogische Herausforderung von A (Alkohol) bis Z (Zigaretten). »Team« ist hier tatsächlich noch ein Fremdwort und wird von der Klasse wohl mit »Toll ein anderer macht´s!« übersetzt. Nach erschöpfenden Diskussionen »verschreibt« das Klassenkollegium der Klasse schließlich eine baldige Klassenfahrt.
Drei Monate später, kurz nach der Fahrt: Die einstmals gefürchtete 8. Klasse scheint wie ausgewechselt, wie verwandelt zu sein. Vielleicht wirkt sie auf intime Kenner noch immer etwas unorganisiert, doch vor allem: Die Schülerinnen und Schüler sind plötzlich nicht mehr »durch den Wind«, sondern »voll frischem Wind«. Die Biologielehrerin berichtet von »Arbeitseifer« und der Kunstlehrer von »Klassengemeinschaft« - und dass sie, Rätsel über Rätsel, jetzt »Team« richtig übersetzen könnten ...
Berichte dieser Art sind nicht selten. Dennoch sind die Klassenfahrten das Stiefkind der Pädagogen. Kaum ein Erziehungswissenschaftler, der sich mit diesem Thema »abgibt« (es liegen im Grunde keine wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema vor), nur selten verirrt sich das Thema in die Gefilde der offiziellen Lehrerausbildung, und nicht immer findet die Klassenfahrt ihren gebührenden Platz an den Schulen.
Dies erstaunt umso mehr, als bekannt ist, dass viele Erwachsene sagen: »Meine schönsten Erinnerungen an die Schulzeit verbinde ich mit den wenigen beglückenden Momenten auf den Klassenfahrten!«
So wirft sich die Frage auf: Warum kommen unzählige Kinder und Jugendliche von Klassenfahrten mit leuchtenden Augen und »wie verwandelt« zurück?

Erlebenspädagogik statt Action-Hopping

Eine Klassenfahrt hat für das Erleben von Kindern vor allem zwei Feinde: einerseits die Langeweile und andererseits der »Erlebnisstress«. Auf der einen Seite steht die Klassenfahrt, die in allzu dürftiger Weise die Erlebnissehnsucht der Schüler anspricht. Ein vor noch nicht allzu langer Zeit gültiger Standard für Klassenfahrten (Wandertag, Bastelaktionen, Spiele- und Singabend, Badetag, Tischtennisturnier, Lagerfeuer und kleine Nachtwanderung) wird heute von den Schülern in der Regel als »langweilig« empfunden.
Aus diesem Grunde sind etliche Pädagogen und professionelle Anbieter dazu übergegangen, Klassenfahrten mit erlebnispädagogischen Elementen »aufzuwerten«, und setzen verstärkt auf die »Erlebnis- und Action-Karte«: Kajakfahren, Höhlen, Klettern, (Compound-) Bogenschießen, Abenteuerspiele, River-Rafting, Ropes-Course (Seilgärten), Mountainbiking, Segeln, Surfen, Tauchen, Survival, Abseilen ... Ein Kick jagt oft den anderen - wodurch eine Klassenfahrt leicht den Charakter eines Vergnügungsparks geraten kann. Dieses Erlebniskarussell wird von vielen Schülern auf die Dauer als erschöpfend, aushöhlend und oberflächliche »Spaß-in-Tüten-Aktion« erlebt. Denn hier setzt sich auf einer anderen Ebene das fort, was an der Schule ohnehin zum Überdruss praktiziert wird: die Konsumhaltung! Sind es in der Schule Wissensberge, die konsumiert werden sollen, so sind es auf solchen Klassenfahrten die Erlebnisberge, die zu konsumieren sind. In beiden Fällen bleibt jedoch die »Seins-Dimension« unerschlossen. Eine verantwortliche Gestaltung von Klassenfahrten bedeutet insofern, die ausgewogene Mischung (Alchemie) aus unterschiedlichen Elementen zu finden.

Neue Formen der Klassenfahrt

Bislang gelten Klassenfahrten in erster Linie als herausragende Möglichkeit, dem einzelnen Schüler wertvolle Erlebnisse zu vermitteln und die Klassengemeinschaft zu stärken. Noch wenig beachtet ist hingegen die Dimension der »Bildung« im Bereich von Klassenfahrt.
Einen wesentlichen Schritt in diese Richtung gehen unsere so genannten »Themenlager«. Sie basieren auf der experimentellen Idee, Bildung und Erlebnis zu einer chancenreichen Synthese zu modellieren. Hintergrund dieses Konzeptes ist, dass sich Erlebnis und Bildung wechselseitig befruchten. Dem unseligen Auseinanderfallen von »Leben« und »Schule«, »Kopf« und »Bauch«, von »verkopftem Lernen« und »kopflosem Erleben« könnte damit entgegengewirkt werden.