Das Schwinden der Erlebnisfähigkeit
Erlebst du eigentlich noch?
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"Es kommt nicht darauf an, wie viele Tage man gelebt hat, es kommt darauf an, wie viel Leben in meinen Tagen ist!"
(J.J. Rousseau)
Gelegentlich kann es vorkommen, dass der aktive Erlebnispädagoge mit einer Frage konfrontiert wird, die ihn stutzig machen kann. So eine Frage ist beispielsweise jene: "Wir leben offenkundig in einer Erlebnisgesellschaft, mit all ihren Segnungen und Flüchen. Welche Rolle innerhalb einer Erlebnisgesellschaft spielt die Erlebnispädagogik? Haben wir denn nicht schon genug Erlebnismöglichkeiten ? Sind wir nicht sogar schon tendenziell erlebnisübersättigt?"
Selbst ohne einen gewissen suggestiven, rhetorischen Unterton dieser Fragestellung, ist dieser Einwurf allemal einer fachlichen Erörterung würdig. Denn tatsächlich ist ein frappierendes Phänomen zu beobachten: auf der einen Seite wächst das generelle Bedürfnis nach Erlebnissen ins Uferlose, aber auf der anderen Seite erodiert die Fähigkeit, Erlebnisse verarbeiten und genießen zu können, zusehends. Vermehrt kann festgestellt werden, dass vor allem jüngere Menschen die spezifischen Grundlagen ihres Daseins in der Erlebnisgesellschaft auf schleichende Weise verlieren: die "Erlebnisfähigkeit". So bekunden Pädagogen, Psychologen und Wissenschaftler mit wachsender Besorgnis, dass unsere Kinder und Jugendlichen anscheinend an einem Schwund der elementaren Erlebnisfähigkeit leiden. Dabei wird beispielsweise oftmals eine befremdliche Apathie der Heranwachsenden gegenüber der Natur beklagt. Das "naturwüchsige" Interesse von Kinder an den Erscheinungen des Wetters, der Tier- und Pflanzenwelt, an Sternen und Steinen scheint zu versickern.
Darüber hinaus ist sogar zu bemerken, dass auch die Sinnesfähigkeiten offenkundig sukzessive schwächer und brüchiger werden. Nachgewiesen wurde beispielsweise, dass die Fähigkeiten der basalen Sinne nachlassen, dass die nachfolgende Generation schlechter schmecken, riechen, sehen und hören wird, wie die vorhergehende.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Rolle der Erlebnispädagogik in einer Erlebnisgesellschaft mit neuer Brisanz.
Kann sich also Erlebnispädagogik erschöpfen in dem Offerieren von pädagogisch kondensierten Erlebnisangeboten und dem Inszenieren von "Kick and Fun"- trächtigen Aktivitäten ?

Die Erlebnispädagogik darf sich nicht erschöpfen im schlichten Summieren und Konsumieren von Erlebnissen.
Hätte eine moderne Erlebnispädagogik nicht auch die Aufgabe, den Focus stärker auf die Vermittlung und Schulung ihres eigenen Fundamentes, der Erlebnisfähigkeit zu richten? In diesem Sinne wäre diese Erlebnispädagogik ein Instrument der Persönlichkeitsbildung, welches gleichsam in der Lage ist, die seelischen Kräfte der Teilnehmer zu aktivieren, zu sensibilisieren und neu auszurichten - wie ein Magnet Eisenfeilspäne auf einer Platte neu konfigurieren und ordnen kann.

Das Schaubild zeigen, wie negative, unverdauliche oder mangelhafte Erlebnisse zu bedenklichen seelischen Dispositionen führen können.





